Bund Naturschutz Alb-Neckar e.V.
  

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Die Botanische Wanderwoche 2006

Stieglitz-Kratzdiestel
Südtirol, genauer gesagt die Naturparke Sextener Dolomiten und Fanes-Sennes-Prags, waren die wesentlichen Ziele der Botanischen Wanderwoche des Bund Naturschutz Alb-Neckar e. V. Zwischen dem 29.07. und 05.08. nahmen wir in Toblach Quartier und bewunderten vom Talgrund des Pustertales aus den Toblacher Hausberg, den 2.966 m hohen Haunold.
Der erste Exkursionstag führte uns auf die Almwiesen und Schutthalden der Sextener Rotwand, die wir auf halber Höhe, zumindest teilweise umrundeten. Ausgangspunkt war Bad Moos, wobei wir uns den schweißtreibenden Aufstieg sparten und sofort auf den Sessellift zurückgriffen. Glücklich an der Rudihütte angekommen nahmen wir uns sofort die Almwiesen vor. Die dort zu bewundernden Borstgrasrasen (Nardetum) mit dem namensgebenden Borstgras (Nardus stricta) und den vielen anderen wie dem Alpen-Dreizahn (Danthonia alpina), Alpen-Süßklee (Hedysarum hedysaroides ssp.exaltatum) sowie Gold-Pippau (Crepis aurea) entzückten das Botaniker-Herz. Insbesondere die angrenzenden Hochstaudenfluren mit Langblatt-Witwenblume (Knautia longifolia), Stieglitz-Kratzdistel (Carduus carduelis) und Verschiedenblättriger Kratzdistel (Cirsium heterophyllum) sorgten für wunderschöne Farbkleckse inmitten der atemberaubenden Bergkulisse.

Von der Rudihütte aus führte uns unser Weg entlang der Nordostflanke der Sextener Rotwand, durch die bereits erwähnten Hochstaudenfluren, in denen immer wieder auch der stattliche gelbblühende Südliche Wolfs-Eisenhut (Aconitum lamarkii) zu finden war. Unterbrochen wurden diese von sehr schönen Kalk-Schutthalden. Im Gegensatz zur üppigen Vegetation der Hochstaudenfluren weisen Kalk-Schuttfluren im Allgemeinen nur eine sehr schüttere Vegetationsbedeckung von ca. 20 bis 30 % auf. Zwischen den Steinen konnte dort neben dem Schild-Ampfer (Rumex scutatus) auch andere Schuttbefestiger bewundert werden. Zu nennen wären hier der Kahle Alpendost (Adenostyles glabra), der gelb aus dem Gesteinsschutt leuchtende Räthischer Alpenmohn (Papaver alpinum ssp. rhaeticum) sowie andere für die Südalpen typische Arten wie Dolomiten-Schafgarbe (Achillea oxyloba), Felsschutt-Pippau (Crepis kerneri) oder das bezaubernde Weiße Rundkopf-Blaugras (Sesleria sphaerocephala subsp. leucocephala). Während des Abstiegs zum Kreuzbergpass standen die halb zerfallenen Bunkerbauwerke im merkwürdigen Kontrast zur umgebenden Vegetation. Der Irrsinn des Ersten Weltkrieges wurde einem hier deutlich vor Augen geführt.

Kleinblütige Akelei
Einen Abstecher in den Naturpark Fanes-Sennes-Prags wagten wir am zweiten Tag unserer Exkursionswoche. Ausgehend vom Alpengasthof Brückele führte uns ein Führer der Nationalparkverwaltung das Stollatal hinauf zu den Plätzwiesen. Diese befinden sich im Schutze des 2839 m hohen Dürrensteins und sind von einer großartigen Bergkulisse umgeben. Die großflächigen sonnigen Bergwiesen sind von Borstgrasrasen geprägt. Ab und an ist dort der stattliche bis 1 m hohe Goldschwingel (Festuca paniculata) mit seinen dicken braun überhängenden Blütenrispen und starren unterseits grauen Blättern vorzufinden. Der Goldschwingel wird allerdings von den Bergbauern nicht geschätzt, da er vom Vieh weniger gern gefressen wird und daher ein «Weideunkraut» darstellt.

Verlässt man die Bergwiesen und steigt die Südwestwand des Dürrensteins hinauf, so mischen sich zwischen die Borstgrasrasen immer mehr Vertreter der Kalkfelsvegetation. Als ein typischer Vertreter der Südalpen ist hier das Dolomiten-Fünffingerkraut (Potentilla nitida) zu erwähnen. Aus botanischer Sicht muss an diesem Tag allerdings die Sumpfwiese beim Alpengasthof Brückele besonders erwähnt werden. Dort konnten die herausragenden Arten Flaches Quellried (Blysmus compressus), Bunter Schachtelhalm (Equisetum variegatum), Sumpf-Dreizack (Triglochin palustre) u.a. vorgefunden werden.

Erdpyramiden
Zurück im Naturpark Sextener Dolomiten erkundeten wir am darauf folgenden Tag, zeitgleich mit unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel das Fischleintal. Auch Angela muss zweifelsfrei jemand zugetragen haben, dass es in der Talschlusshütte einen phänomenalen Kaiserschmarrn gibt. Bevor man allerdings die Talschlusshütte erreicht hatte, konnte man sich bei wechselhaften Wetterverhältnissen mit Legföhrenbuschwäldern und Schwemmlingen im Schotterbett des Fischleinbaches beschäftigen. Zu erwähnen wären hier neben vielen anderen Kleines Rispengras (Poa minor), Buntes Reitgras (Calamagrostis varia), Gestreifter Seidelbast (Daphne striata) sowie der Ostalpen-Baldrian (Valeriana elongata), letzterer ist in den Ostalpen endemisch. Von der Talschlusshütte aus unternahmen beinahe alle den Aufstieg in die östliche Talflanke, von wo aus man auf einem Höhenweg zu unserem Ausgangspunkt, dem Dolomitenhof zurück ging. Zwischen dem lichten Gebüsch und den Steinschutthalden konnte man auf diesem Weg mit der Kleinblütigen Akelei (Auqilegia einseliana) einen weiteren Alpenendemiten bestaunen. Aufmerksame Beobachter konnten neben anderen in den Felswänden auch noch den Sparrigen Steinbrech (Saxifraga squarrosa) von dem Blau-grünen Steinbrech (Saxifraga caesia) unterscheiden lernen.

Endivienblättriges Habichtskraut
Eines der längsten Kettengebirge der Südlichen Kalkalpen sind die Karnischen Alpen, welche sich in West-Ost-Richtung vom mittleren Pustertal aus bis kurz vor Slowenien erstrecken. Deren westlichste Erhebung bezwangen wir, den 2.434 m hohe Helm. Hierzu bedienten wir uns jener Seilbahn, die ihre Talstation bequemerweise in Sexten hat. Ab der Bergstation folgten wir dem Karnischen Höhenweg und kamen so bis zum Helmgipfel. Ein Großteil besuchte noch die Sillianer Hütte und wechselte hierzu ins Österreichische. Ein kleiner Haufen Verwegener wagte sich an einen raschen Abstieg per pedes.

Entlang des Karnischen Höhenweges mochte man seinen Augen nicht mehr trauen. Stellvertretend seien hier daher nur das Endivienblättrige Habichtskraut (Hieracium intybaceum) sowie das Niedere Seifenkraut (Saponaria pumila) genannt. Entlang des Grates, der gleichzeitig die österreichisch-italienischen Grenze darstellt und in Teilen von Bunkerverbauungen geprägt ist, waren wunderschöne Windheiden (Loiseleurietum) mit der namensgebenden Windheide (Loiseleuria procumbens), Alpen-Rauschbeere (Vaccinium gaultheroides) sowie der Dreispaltiger Binse (Juncus trifidus) zu entdecken. Auch Übergänge zu einer flechtenreichen Windheide (Loiseleurietum-Cetrarietum) waren dort vorhanden, mit verschiedenen Strauchflechten wie der Cladonia arbuscula. An geschützteren Stellen konnte man mit dem Einblütigen Hornkraut (Cerastium uniflorum) sowie dem Gletscher Hahnenfuß (Ranunculus glacialis) sogar Vertreter der nivalen Stufe ausmachen.

Räthischer Alpenmohn
Zurück in Sexten zog es uns sofort auf den Friedhof. Hierzu muss man wissen, dass Sexten während der Kriegsjahre 1915 und 1916 (1. Weltkrieg) durch feindlichen Artilleriebeschuss vom Kreuzbergpass aus sehr stark zerstört wurde. Auch die Pfarrkirche St. Veit und der Friedhof mussten dran glauben. Nach Kriegsende wurde Sexten, St. Veit sowie der terrassierte Friedhof wieder aufgebaut. Die Pfarrkirche wurde von dem Sextener Maler Rudolf Stolz ausgemalt sowie das Eingangsbauwerk des Friedhofes mit einem herrlichen Totentanz ausgeschmückt.

Regen war das Motto des folgenden Tages. Nach einer feuchten Stadtführung durch das mittelalterliche Bruneck, der Besichtigung von spektakulären Erdpyramiden bei Platten und dem aus Regen geborenen Pragser Wildsee waren wir alle nass. Köstlich - allerdings nur für einige - war die Besichtigung einer regennassen Schönheit am Pragser Wildesee, der Schopfigen Teufelskralle (Physoplexis comosa).

Die Drei Zinnen sollten den Abschluss der Botanischen Wanderwoche bilden. Nun ja, sie überraschten uns im weißen Winterkleid. So ging es wieder hinunter ins Pustertal und wir wanderten von Toblach nach Innichen. Dabei überquerten wir die europäische Wasserscheide. Denn im Pustertal verhält es sich so: Pinkelt man am Ortsrand von Toblach an einen Baum, so kann man sicher sein, dass diese Hinterlassenschaft über die Rienz in die Adria fließt. Geht man wenige Kilometer weiter zum Drauursprung und spukt in das noch junge Gewässer, hat man die Gewissheit, dass Spuren der eigenen DNA über die Donau im Schwarzen Meer landen.

Plätzwiesen
Darüber hinaus konnte man natürlich in herrlichen Hochstaudenfluren mit einem schönen Aspekt an Rispen-Eisenhut (Aconitum degenii) schwelgen. Darüber hinaus konnte man auf diesem Weg auch das Haarstrang-Laserkraut (Laserpitium peucedanoides) - welches seine Hauptverbreitung in Norditalien und Slowenien hat - sowie vieles mehr genießen. In Innichen, das u.a. auf eine Klostergründung aus dem Jahr 769 zurückgeht, bewunderten wir die um 1140 im romanischen Stil erbaute Stiftskirche und die barocke Pfarrkirche St. Michael, welche 1761 geweiht wurde. Zurück nach Toblach ging es dann auf einem Höhenweg.

Am nächsten Tag hieß es dem Pustertal den Rücken zu kehren und uns bei Manfred Aichele für die gute Organisation und bei Günter Gaßner für die botanische Sachkenntnis zu bedanken. Ein Trostpflaster wurde uns noch auf den Weg gegeben, die in Aussicht stehende Botanische Wanderwoche 2007. Sie wird uns vom 30.06. bis zum 07.07. nach Bad Eisenkappel an die österreichisch-slowenische Grenze führen.
Blau-grüner Steinbrech
 
Schopf-Teufelskralle
Schutthalden-RotwandWeißes Rundkopf-Blaugras
Text: Stephan Brendle
Fotos: Karl Keck, Gerhard Nitter