17. März 2008

Biosphärengebiet - Umweltverbände begrüßen das neue Großschutzgebiet mit Hoffnung, aber auch mit Kritik

«Aber wo bleibt der Naturschutz?»

VON CHRISTINE DEWALD

MÜNSINGEN/GOMADINGEN. Ein Anfang. Ein erster Schritt. Mit der Ausweisung des Biosphärengebiets Schwäbische Alb sehen sich die Naturschutzverbände noch lange nicht am Ziel. Im Gegenteil: Vertreter des Naturschutzbundes (NABU) wie des Bundes Naturschutz Alb-Neckar (BNAN) betonten am Wochenende, dass die Arbeit jetzt erst richtig los gehe. Sonst könnte drohen, was der Reutlinger Naturschützer Wolfgang Riedel bei der BNAN-Jahresversammlung in Münsingen zugespitzt formulierte - dass das Biosphärengebiet in Sachen Naturschutz eine Mogelpackung wird.

Zu viele Wege entwerten die Kernzonen des Biosphärengebiets, die der Natur vorbehalten bleiben sollten (hier das Brucktal). Das kritisieren Naturschützer übereinstimmend - vor allem, wenn mit Verweis auf die Verkehrssicherungspflicht kräftig gesägt wird. GEA-FOTO: DEWALD
Dass für das erste derartige Großschutzgebiet in Baden-Württemberg die Bezeichnung «Biosphärengebiet» gewählt wurde und nicht das international übliche «Biosphärenreservat», lasse tief blicken, meinte Karl-Heinz Frey, der Sprecher des Arbeitskreises Esslingen im Landesnaturschutzverband (LNV). «Ein Gebiet kann man teilen, verwerten, es ist begrenzt und beliebig», kritisierte Frey beim BNAN-Treffen am Samstag. Mit dem Zuschnitt des Schutzgebiets sei nur erfüllt, was nach den Unesco-Richtlinien notwenig ist - nicht das, was nach naturschutzfachlichen Kriterien sinnvoll sei.

Lauter schmale Handtücher

In seinem Vortrag «Ungelöste Probleme im zukünftigen Biosphärengebiet Schwäbische Alb» nahm Frey vor allem die Kernzonen ins Visier. Mindestens drei Prozent des Schutzgebiets müssen laut Unesco der Natur vorbehalten bleiben - 3,1 Prozent sind es hier. Große zusammenhängende Flächen seien nicht dabei, und die vielen schmalen «Handtücher» drohten durch Wege mittendurch zusätzlich entwertet zu werden.

Frey illustrierte seine Kritik mit dem Beispiel des Uracher Nägelesfelsens. Die dort ausgewiesene Kernzone sei maximal drei- bis vierhundert Meter breit, werde dazu von drei Wegen durchschnitten. Die dadurch bedingten Störzonen reduzierten den Rückzugsraum von Tieren und die tatsächlich unberührten Naturflächen auf wenige kleine Streifen - «das ist ein Witz».

Auch für den Naturschutzbund besteht beim Thema Kernzonen noch Diskussionsbedarf. «Ein Problem ist die Verkehrssicherungspflicht», sagte der neue NABU-Landesvorsitzende Andre Baumann am Freitagabend in Gomadingen bei der Hauptversammlung der NABU-Ortsgruppe Mittlere Alb. «Wir haben so wenig Kernzonen, da kann man ein kleines Stück auch sich selbst überlassen», plädierte Baumann dafür, von der Verkehrssicherungspflicht «ein bisschen zurückzugehen» und nicht jeden alten Baum am Weg umzusägen. Warum nicht stattdessen ein Schild aufstellen: Betreten auf eigene Gefahr.

Die Sprecher beider Naturschutzverbände kritisierten, dass in den künftigen Kernzonen gerade auch mit dem Hinweis auf die Verkehrssicherungspflicht viel zu viel eingeschlagen worden sei. Frey zeigte ein Beispiel am Reußenstein, dass er «Plünderung» nannte: «Das braucht hundert Jahre und mehr, bis das ein sinnvoller Urwald wird.»

Als «Urwälder von morgen» (Baumann) sind die Kernzonen im Biosphärengebiet unentbehrlich. Den Schwerpunkt im künftigen Gebiet Schwäbische Alb sieht Andre Baumann trotzdem in der Kulturlandschaft. So sind etwa die Kalkmagerrasen, die der NABU-Chef in seiner Doktorarbeit untersucht hatte, eine vom Menschen geschaffene Landschaftsform, die bis zu viertausend Jahre durchgehend existierte. «Die sind viel älter als das Freiburger Münster», machte der Verbandssprecher die kulturhistorische Bedeutung klar.

Lieber Vieh als Bakterien

Auch die Kulturlandschaft im Biosphärengebiet wird vor übergroßen Ansprüchen des Menschen geschützt werden müssen. Einen starken Ausbau der Biogas-Produktion sieht Baumann auf der Alb «sehr, sehr kritisch», weshalb die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft «eher in der Viehwirtschaft als in der Bakterienzucht» liege.

Noch weiter ging die Kritik der BNAN-Vertreter, die nicht nur den Naturschutz in der bisherigen Konzeption des Biosphärengebiets zu kurz gekommen sehen. «Welche Teile vermarktet werden können, das war schnell klar», bemängelte Karl-Heinz Frey: Aber was im Modellgebiet zu schützen sei, von seltenen Tieren und Pflanzen über historische Nutztierrassen bis zu bedeutenden Ausgrabungsstätten - das sei mehr oder weniger beliebig.

«Regionalentwicklung ist ja in Ordnung», kritisierte Wolfgang Riedel eine bislang einseitige Ausrichtung des Biosphärengebiets: «Aber wo bleibt der Naturschutz?»

Der frühere BNAN-Geschäftsführer Hermann Wurz erinnerte daran, bei aller berechtigten Kritik die positiven Seiten nicht aus den Augen zu verlieren: Vor zwanzig Jahren sei an ein Biosphärengebiet auf der Alb nicht zu denken gewesen. «Der Naturschutz hat in der öffentlichen Meinung gewaltige Fortschritte gemacht», riet Wurz zu Besonnenheit: «Und davon hängen wir ab.»

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